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Musical Pointers, 01.09.2005

Kritik ĂĽber das Debut-Konzert am Lucerne Festival September 2005

For radical 'now' music on a flourishing Swiss scene, we had erschöpfung from their 'house composer' Michel Roth's Mondrian Cycle (eponymous for the ensemble) - its abrasive energy took its toll of Martin Jaggi's cello bow, with a broken string right at the end!

Alexa and Peter Grahame Woolf


Dissonanz/Dissonance, 01.12.2012

Michel Roth: Im Bau

Ein höchst aussergewöhnliches Projekt zeigt das ensemble aequatuor mit dem zweiteiligen, von Georges Delnon inszenierten und am Lucerne Festival 2012 uraufgeführten Projekt Lost Circles. (...) "Ich wollte mich beim Komponieren selbst in die Enge meines Baus treiben", merkt Roth zu seiner atemberaubenden Kafka-Adaption an. Kafkas Tier in seinem Höhlensystem, die Flucht in eine Oberwelt und Rückkehr und Verfolgung durch undefinierbare Klangwesen bildet Roth in elektronisch unterstützten Mikroprozessen ab, die sich direkt an die Nervenbahnen legen. Das wird meditativ bis zu dem Punkt, wo sich dem Zuhörer Kafkas Handlung auflöst und das blumenbedruckte, rote Interieur von Delnons Inszenierung nur noch als abstrakter "Bau" für Klänge und Streifzüge des kafkaesken Wesens erscheint (hervorragend: Anne-May Krüger, Mezzosopran). Gezielt vermeiden Delnon und Roth damit Assoziationen an eine akustische Bunkerstellung, an ein Eingraben in die Erde im Sinne der Lärmschutz- und Heimatthematik (...).

Andreas Fatton


Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 07.05.2006

Das fliegende Streichquartett

Wittener Tage fĂĽr neue Kammermusik spannen den Bogen vom Bigband-Sound ĂĽber Medienkritisches und Minimal-Musik bis zum Sprach-Singsang. [...]

Das Nachtkonzert am Samstagabend brachte wieder gewagtere Klänge. Die "Neuen Vokalsolisten Stuttgart", vielleicht der beste deutsche Kammerchor für neue Musik, brachte Proben seiner Kunst. In den Werken von Annette Schmucki und Mischa Käser zeigten sich die Sänger virtuos, besonders aber in Michel Roths "Die auf dich zurückgreifende Zeit". Expressiv und explosiv, oft in höchsten Lagen, schleudern die Sänger einen zerlegten Text des Schweizer Schriftstellers Peter Weber hervor, begleitet von Musikern des "ensemble ascolta".

Markus Bruderreck


Musicweb International, 07.05.2006

Seen and Heard Review Article

Wittener Tage fĂĽr Neue Kammermusik 06

[...] The second concert featuring Swiss music, given by Neue Vocalsolisten Stuttgart and Ensemble Ascolta, conducted by Michael Alber, was disappointing, with only one of the three works compelling serious attention. This was the six-part cycle, Die auf dich zurückgreifende Zeit, for vocal soloists and ensemble, by Michel Roth. Manipulating texts from a novel, by the Swiss writer, Peter Weber, to create different strands of musical discourse, Roth's cycle developed a stylistic consistency within the modernist tradition that bodes well for the future. His work made a stronger impression than either Annette Schmucki's arbeiten / verlieren, die stimmen, for five voices and seven instruments, or Mischa Käser's Praeludien 1 - 8, for vocal ensemble.

John Warnaby


Basellandschaftliche Zeitung, 10.05.2008

Ein fantastisches Gerede

Michel Roths «Pessoa» für Singstimmen und Ensemble profitierte von der nachhallenden Unschärfe, denn obschon er eine beachtlich grosse Textmenge vertont hat, legt er gar keinen Wert darauf, dass diese Wort für Wort verstanden werde. Im Gegenteil: Er lagert neun Textschichten übereinander, ordnet jeder Schicht ein Instrument zu zum Beispiel der Altstimme Klarinette oder Horn, dem Bariton Posaune oder Kontrabass und verwandelt das Nacheinander der Texte in deren gleichzeitiges Miteinander.

Anders gesagt: die Redenden, Singenden und Spielenden kommen miteinander ins Gespräch, Spruch wird zu Widerspruch und Zuspruch, und daraus erwächst ein tönendes Gerede von beeindruckender Vitalität und Intensität. Nun erlaubt der erste Höreindruck kein Urteil, doch die Feststellung, dass es spannend, ja faszinierend war, diesem tönenden Quodlibet zuzuhören; denn Roths Musik ist einfalls- und abwechslungsreich, zudem gelegentlich auf sympathische Weise leicht sarkastisch die Texte beim Wort nehmend. Jürg Henneberger dirigierte die Uraufführung souverän, Fritz Näf hatte seine Madrigalisten präzise einstudiert, und auf die Musiker des «Ensemble Phoenix Basel» ist eh Verlass.

Nikolaus Cybinski


SĂĽdbadische Zeitung, 11.09.2001

Musik der Berge

Wie wenn er das Klischee bedienen wollte: Michel Roth, Schweizer Komponist, schreibt Musik über die Berge. Da poltert das Geröll, und es fegt ein Wind durch die Bergesenge. Roths Stück "Schöllenen", benannt nach einer Schlucht im Kanton Uri, beginnt ganz naturalistisch als Nachempfindung realer Geräusche. Mit der Zeit verdichten sich die Eindrücke, werden Geräusche zu Tönen, Töne zu (Zusammen-)Klängen, wird das anfangs noch Chaotische gebunden, entsteht Musik (also mit Konzept Komponiertes, Künstliches, Kunst). Die zerfällt dann wieder, bis sich am Ende, nach einem langen, langsamen Abwärts-Glissando, die Tiefe im Verstummen auflöst.

"Schöllenen" ist ein starkes StĂĽck - und ein sehr schönes dazu, wobei Schönheit hier, weil sie sich auf hohem reflektorischen Niveau ereignet, nie Gefahr läuft, das allzu Kitschige auch nur zu tangieren. Roths Werk war die mit weitem Abstand zwingendste der drei neuen Kompositionen, die das von Simon Hunziker dirigierte Basler Ensemble Camerata variabile in der Freiburger Elisabeth-Schneider-Stiftung vorstellte.




Der Landbote, 13.1.2009

Vielfältig und voller Spass

Dass Neue Musik auch Spass machen kann, bewiesen die vier Musiker [Quadriga Fagottquartett] nicht nur mit der letzten Nummer des Programms: In Michel Roths stark szenischem Match Cut für fragmentiertes Fagottquartett zerlegte sich erst das Ensemble, indem sich Elisabeth Göring in eine Filmdiva - oder doch eher gestrenge Fagottlehrerin - verwandelte und danach aus den restlichen drei Mitgliedern bzw. deren Instrumenten Kleinholz machte.

Marc Hoppler


Neue ZĂĽrcher Zeitung, 14.05.2005

Geröll und Kristall

Musikpodium in der Musikhochschule

Die klangliche Ursuppe brodelt im Pedalnebel. Einzelne Impulse tauchen auf, gewinnen an Kontur, treten eine vieltönige Gerölllawine los. Inspiriert durch einen Roman von Peter Weber, erschafft der 1976 geborene Innerschweizer Komponist Michel Roth mit "molasse vivante" eine musikalische Welt für zwei Klaviere, in der sich verschiedene Schichten überlagern, ins Rutschen kommen, funkelnde Mineralien zutage fördern und sich wieder
stabilisieren. Das Klavierduo Adrienne SoĂłs und Ivo Haag verhalf dem viertelstĂĽndigen StĂĽck im Grossen Saal der Musikhochschule ZĂĽrich zu einer stimmigen UrauffĂĽhrung. Sie stand im Zentrum eines Musikpodium-Abands der Musik fĂĽr Klavier(e) und fĂĽr Streichtrio vorstellte.

Mondrian als Inspiration

Auch in Roths 2002 entstandenem Streichtrio "erschöpfung", das von einem Mondrian-Bild ausgeht, wird die Ähnlichkeit von geologischen und musikalischen Abläufen spürbar. Nervöse Bewegungen auf dem Griffbrett setzen Klangsplitter frei, die sich allmählich verfestigen. Im weiteren Verlauf durchmisst die Musik immer wieder kurze Ruhezonen, die sich als trügerisch erweisen, sind sie doch von neuen Erschütterungen bedroht. Schliesslich erschöpft sich die Energie, und das Stück klingt mit feinen Flageoletttönen aus. Für eine engagierte gestische Realisierung war das Mondrian Ensemble mit Daniela Müller (Violine), Christian Zgraggen (Viola) und Martin Jaggi (Violoncello) besorgt.

JĂĽrg Huber


MusikTexte 110, Köln, 14.08.2006

Die Wittener Tage fĂĽr neue Kammermusik

Nach wie vor grosse Faszination ĂĽbt das Nahverhältnis von Musik und Sprache aus, nicht zuletzt auf jĂĽngere Schweizer Komponisten, die das ensemble ascolta aus Stuttgart präsentierte. Michel Roth transformierte phantastisch verfremdete Beschreibungen der Erd-, Kultur- und Industriegeschichte des Badisch-Schweizer Raums in ein breites Spektrum vom stupiden FremdenfĂĽhrerton bis zum exaltierten Kreischen.

Rainer Nonnenmann


Blick, 15.05.2006

Avantgarde der Neuen Musik

Schweizer Komponisten im Ausland [Witten 2006]

[...] Heftig beklatscht wurde Michel Roth, der einen Text des Lyrikers Peter Weber umsetzte. Weber beschreibt eine komplizierte Reise durch die Schweiz, einmal sogar in die Erde hinein, durch Stufen von Gestein. Michel Roth hat dazu eine vielschichtige Musik geschrieben, knackende Klänge werden übermalt mit lang ausgehaltenen Tönen. Man glaubt tatsächlich, den Fels zu hören oder in die Vergangenheit zu reisen, denn einige Klänge kommen einem bekannt vor.

Am Ende führen uns sanfte Maultrommelklänge zurück in die Gegenwart, der Konzertsaal hat uns wieder!

Jörn Florian Fuchs


Neue Luzerner Zeitung, 15.06.2005

Handfest zeitgenössisch

Kein klassisches Instrument ist heute derart von der Populärmusik besetzt wie die Gitarre. Und vielleicht deshalb wirkt hier die Kluft zwischen entsprechenden Klischees und der Musik, die zeitgenössische Komponisten für dieses Instrument schreiben, so gross.

Dass sie nicht unüberwindlich ist, zeigte am Freitag im Schlössli Wartegg Luzern das Gitarrenduo Luna Ghinante (Gian Caviezel und Thomas Estermann) mit dem Gitarrenduo Hoax von Michel Roth. Zum einen lebte die Uraufführung von der Raffinesse, mit der der junge Luzerner Komponist ein akkordisches Thema zerfasert und in immer neue Gestalten überführt. Als beziehungsreich kalkulierte Kunstmusik erwies sich das darin, wie der Bezug zum Ausgangspunkt gestisch gewahrt blieb. Zum anderen setzt Roth das auch mit handfesten gitarristischen Techniken effektvoll um - bis hin zu rasselnden Arpeggien, luftig-leicht schwebenden Flageolett-Mobiles, eckig pulsierenden Grooves: Musik, die bei aller Differenziertheit auch süffige Wirkungen nicht scheut.

Auch in der engagierten Wiedergabe war dies der Höhepunkt des Programms.

Urs Mattenberger


SĂĽddeutsche Zeitung, 17.09.2012

In fremden Klangräumen

Was ist das für ein Klang? Als ein Sirren könnte man es beschreiben, aber es ist kein Insekt. Es ist ein künstliches Geräusch, aber es klingt nicht so, als wäre es rein künstlich erzeugt. Dieser seltsame Laut, der einfach da ist, hat einen organischen Kern. Er ist so rätselhaft, wie die Geschichte, zu der er gehört. Und damit ist dieser Ton, der tonal nicht zu fassen ist, auch alles, was um diesen Ton herum an Musik geschieht, allerfeinstes Musiktheater. Weil hier eine Geschichte mittels Musik zu einem weniger emotionalen als fast schon psychologischen Erlebnis wird. Das ist sehr subtil, sehr klug und sehr gut.

Michel Roth hat für das Festival in Luzern die fragmentarische Erzählung 'Der Bau' von Franz Kafka vertont. Darin wandert ein nicht näher genanntes Tier durch seinen unterirdischen Bau, besessen davon, diesen gegen jede Einwirkung von außen beschützen zu müssen. Eifrig kommentiert das Wesen sein Treiben und seine Empfindungen, ruhelos sucht es nach immer besseren Sicherungsmaßnahmen, bis es dahin gelangt, dass es den Bau, der es beschützen sollte, selbst bewacht. Und da taucht im Strom der Gedanken des Tieres dieses Geräusch auf. Woher es kommt, kann das Tier nicht entdecken.

Aus 'Der Bau' wird bei Roth 'Im Bau'. Eine entscheidende Veränderung. Denn zwar behält er die Erzählstruktur bei - sein Stück ist ein Melodram mit allen Arten des Sprechens, auch partiellen Singens -, doch betont er, dass alles, was hier berichtet wird, vor allem im Kopf des Tieres stattfindet. Darüberhinaus schafft er mit faszinierenden Mitteln Klangräume, die die Erzählung aufnehmen. Ganz physisch funktioniert das so, dass am Ende Oboe und Cello durch den Raum wandern, der Zuhörer also selbst im Bau ist. Davor nutzt Roth die vorhandenen Instrumente selbst als Resonanzräume, leitet mittels kleiner Lautsprecher und viel Elektronik Töne in Cello, Oboe und Klavier, wodurch Rückkopplungen entstehen, die die Musiker beeinflussen können - der eingangs beschriebene Klang, der noch dazu mit vorgefertigten Stimmzuspielungen korrespondiert.

Seinen Ursprung hat die Komposition in der Besetzung, dem fabelhaften Ensemble aequatuor, bestehend aus Matthias Arter, Oboe, Tobias Moster, Cello, und Ingrid Karlen, Klavier. Zu diesen kommt die prächtige Mezzosopranistin Anne-May Krüger, die so gut sprechen wie singen kann - das Ergebnis ist von hinreißender Plastizität, zumal sich Roth, ungeachtet der technischen Komplexität seines Komponierens, auf einen geringen Materialvorrat beschränkt. Da braucht es zur Präsentation im Luzerner Saal des Festivalhauses gar nicht viel, der Basler Intendant Georges Delnon unterstützt die Aufführung in plüschiger Sofalandschaft vor allem mit Licht.

'Im Bau' bildet zusammen mit Alfred Zimmerlins 'Ana Andromeda' den sechsten und letzten Teil der UrauffĂĽhrungen in Luzern.(...) Der Umgang des Festivals mit dem Neuen ist stark.

Egbert Tholl


Berner Bund, 18.01.2002

Vertraute und innovative Klänge

...die von Michel Roth höchst innovativ, ja stellenweise sogar faszinierend instrumentierten "Drei Klavierstücke op. 11" von Arnold Schönberg. [...] Roth hat nun diese Piano-Miniaturen für Kammerorchester bearbeitet - nicht als "Orchesterarrangements", sondern als Versuch, den relativ abstrakten Klavierklang in orchestrale Klangkomplexe zu verwandeln. Dieses durchaus geglückte Experiment wurde durch [Jost] Meier und seine Helfer mit hohem Gelingen nachvollzogen.




Kandinsky Forum II, 2007

Ein hervorragendes Beispiel fĂĽr den Fortschritt der Wissenschaft

Die Publikation Harmonie und Dissonanz. Gerstl, Schönberg, Kandinsky. Malerei und Musik im Aufbruch [...] enthält neben sehr guten Abbildungen und zahlreichen Notenbeispielen einen fundierten, originellen und sehr ausführlichen Text in Form eines Gesprächs zwischen dem Kunsthistoriker Matthias Haldemann und den Musikwissenschaftlern Andreas Brenner und Michel Roth. Dies ist wieder ein hervorragendes Beispiel für den Fortschritt der Wissenschaft.

Jelena Hahl-Fontaine (ehem. Jahl-Koch)


musicweb-international.com, 2011

Michel Roth: KAVALKADE fĂĽr singenden Kontrabassisten

Michel Roth seems to draw on a variety of mildly crazed precursors; his piece sounds like something Hunter S. Thompson might have experienced after taking mescaline. Or, maybe, it’s the equivalent of jazz bassist Slam Stewart meeting William S. Burroughs.



Jonathan Woolf


Basler Zeitung, 23.09.2002

"verinnerung" im Gare du Nord Basel

Friedemann Treiber, Nebojsa Bugarski und Jürg Henneberger präsentieren «Verinnerung» (2001/02), ein Klaviertrio des 26-jährigen schweizerischen Komponisten Michel Roth, dessen Aufführung seines Ensemblestücks «Schöllenen» am «Europäischen Musikmonat» noch gut in Erinnerung haftet. Das neue Stück verzichtet auf jeglichen Effekt. Es erkundet eine musikalische Form vom leisesten Einzelton aus, der zunehmend Erschütterungen ausgesetzt wird. In weiten Zeiträumen entfaltet Roth eine Poesie deformierter Intervallik im Aufspüren wunder Instrumentalpunkte.

Michael Kunkel


Basler Zeitung, 27.032012

Klangwolken und ausladende Klangmassen

So ziemlich das Gegenteil bekam man da in der zweiten an diesem Abend gespielten Komposition «Molasse vivante» fĂĽr Flöte, Klarinette, Schlagzeug, Klavier und Streichtrio (2007 UA) des Luzerner Komponisten Michel Roth (1976) zu hören. Hier erhoben sich dĂĽstere Klangwolken, die oft von intensiv wirbelnden Klangpartikeln und ausladenden Klangmassen durchbrochen wurden. Michel Roth vermittelte seiner Musik besondere Intensität mit wiederholt eingesetzten Pausen der Stille, die als Kontrast zur Vehemenz der Musik zusätzlich einen Schub verliehen.

RDM


Dissonanz/Dissonance, 27.11.2009

Voix suisses

Sous la baguette de Jost Meier, l'Orchestre de Chambre de Lausanne prenait [...] un élan pour enthousiasmer dans la création suisse de Der Spaziergang de Michel Roth. Le récit de Robert Walser qui donne son nom à la pièce est la confrontation de deux narrations du même épisode. Ici, ce sont deux chanteurs qui s'affrontent, chacun porteur d'une des voix tandis que l'orchestre les accompagne, les contredit ou les sert. A mesure que le récit se déroule, c'est l'escalade entre la basse et le baryton... jusqu'à brandir des mégaphones. Pourtant, la démonstration est tenue, efficace et ne tourne jamais à la bouffonnerie; un très beau tour d'équilibriste de l'Uranais.

Benoît Perrier


Neue ZĂĽrcher Zeitung, 31.1.2006

Spiralische Bewegung

Neues Werk von Michel Roth in St. Peter

azn. «Skytale» heisst ein neues Werk für Klarinette, Violoncello und Klavier des Komponisten Michel Roth (geb. 1976), das am Sonntag bei den Swiss Chamber Concerts in der Kirche St. Peter in Zürich uraufgeführt wurde. Auf zwei Anregungen verweist der Titel, den man sowohl altgriechisch als auch englisch - als «Himmels-Erzählung» - verstehen kann: auf eine antike, auf der Spirale beruhende Methode, Text zu verschlüsseln, und auf die multiperspektivische, spiralförmige Bewegung in Italo Calvinos verrücktem Roman «Auf den Spuren der Galaxien». So hat der Komponist eine Harmonik, ein Zeitverhalten und damit eine Form gefunden, die einen vom ersten bis zum letzten Ton fesselt und fasziniert - und die ganz Musik ist. Seine differenzierten Klänge und Klangmischungen haben immer genug Eigenzeit, dass sie einen dazu einladen, hörend in sie einzudringen. Dann nehmen sie uns mit in eine präzise ausgehörte Bewegung, führen einen an andere Punkte in diesem Klanggebilde; differenziert verändert sich die Harmonik, immer wieder neu werden Wege erkundet. Und nirgends hat man das Gefühl, zu lange verweilen zu müssen oder zu kurz bleiben zu dürfen.

Zu Roths feiner Musik zwischen Bewegung und Ruhe führte Gabriel Faurés Trio d-Moll op. 120 aufs Schönste hin, denn es ist ein Werk, das aus einer grossen inneren Ruhe wächst und seine Farbigkeit nicht zuletzt aus der Harmonik gewinnt. Vor allem wenn es so spannungsvoll ufgebaut, gestisch verfeinert und intelligent durchhört gespielt wird wie hier vom Vega-Trio mit Reto Bieri, Klarinette, Ricardo Bovino, Klavier, und Rafael Rosenfeld, Cello. Dann erklangen Klaus Hubers «Schattenblätter» für präpariertes Klavier, Bassklarinette und Cello. Das Werk hat seit 1975 doch an Brisanz verloren, was freilich auch an der vom Nachhall in St. Peter ästhetisierten Interpretation liegt. Zum Schluss wuchernde Leidenschaft: in Alexander Zemlinskys noch sehr an Brahms orientiertem Klarinettentrio d-Moll op. 3 (1896).

Alfred Zimmerlin


Neue Musikzeitung NMZ, Juli/August 2006

RĂĽckblick auf Witten 2006

Die exzellenten Darbietungen der neuen Vocalsolisten Stuttgart gehörten somit zu den Höhepunkten des dreitägigen Festivals und beschäftigten sich - insbesondere aus Schweizer Perspektive - mit ganz unterschiedlichen Herangehensweisen an das Phänomen Text: Michel Roth widmete sich in ziselierten Interaktionen von Vokal- und Instrumentalklang in seinem sechsteiligen Zyklus Die auf dich zurückgreifende Zeit der heimatlichen Topografie des Schweizer Schriftstellers Peter Weber, deren Sprachtypen und semantische Schichten er mit all ihren tektonischen Verwerfungen jenseits illustrativer Textverdoppelung strukturell transformierte, indem "das gesamte kompositorische Material in Form einer netzartigen Syntax aus den Texten abgeleitet" (Roth) war. Das klang überraschend wenig gebastelt, sondern kam als ausgesprochen fantasievolle Defragmentierung daher.

Dirk Wiescholleck


Piano News Düsseldorf, März 2007

molasse vivante

In seinem ausserordentlich klug disponierten und von einer Fülle an nachtfarbenen Klängen durchzogenen Klavierduo "molasse vivante" scheint Michel Roth das untergründige Brodeln und Brausen der Limmat-Quellen aufzugreifen, an denen ein Teil von Peter Webers Romanhandlung spielt. Der Beginn: ein undurchhörbares Rauschen und Trillern im dreifachen piano - ein „Anti-Rheingold“, danach eine ebenso kecke wie surreale Kurkapellenmusik, immer wieder Abbrüche und Verstummen, lange und geheimnisvolle Fermaten, an denen der musikalische Fluss nur scheinbar zum Erliegen kommt. Unter der Oberfläche brodeln unaufhörlich die Quellen der Limmat und versetzen den Hörer in einen Zustand gnadenlos gespannter Ruhe — die bis über den letzten Takt hinausreicht.

Manuel Rösler